Liebe Leserin, lieber Leser,
Ein Mensch, der da isst und trinkt und hat guten Mut bei all seinem Mühen, das ist eine Gabe Gottes.
Prediger 3,13
Vom Biochemiker und Schriftsteller Erwin Chargaff ist der Satz überliefert:
„Gott hat die Zeit geschaffen, der Teufel den Kalender“.
Ja, Gott hat die Zeit geschaffen, sagt die Bibel. Von Terminen, Hetze, Performance und Effizienz ist dort wenig zu lesen. Jesus hinterfragt im Evangelium zum Erntedankfest einen solchen Lebensstil sogar kritisch mit den Worten:
„Wer von euch kann mit all seiner Sorge sein Leben auch nur um eine kleine Zeitspanne verlängern?“
Matthäus 6,27
Und er zeigt den schöpferischen Willen Gottes zur Gelassenheit ganz konkret auf:
„Seht euch die Vögel an! Sie säen nicht, sie ernten nicht, sie sammeln keine Vorräte – aber euer Vater im Himmel sorgt für sie. Und ihr seid ihm doch viel mehr wert als Vögel!
Seht, wie die Blumen auf den Feldern wachsen! Sie arbeiten nicht und machen sich keine Kleider, doch ich sage euch: Nicht einmal Salomo bei all seinem Reichtum war so prächtig gekleidet wie eine von ihnen.
Matthäus 6, 26.28f
Im alten Irland hieß es:
„Als Gott die Zeit erschaffen hat, hat er genug davon gemacht.“
Wir scheinen in unserer modernen Welt aber jederzeit einzustimmen in den angesagten Klagegesang: „Ich habe keine Zeit! Mir rennt die Zeit davon. Wo ist nur die Zeit geblieben…“
Schon unsere Schülerinnen und Schüler stehen unter diesem Zeitdruck und der Terminkalender am jugendlichen Smartphone hat schon zum Schulanfang nur wenige Lücken. Die Terminfindung für die kommenden Präpi- und Konfistunden oder für die Vorbereitung von gemeinsamen Gottesdiensten und Veranstaltungen zeigt das deutlich.
Dazu kommt die Sorge, für die Maximierung der eigenen Lebenswelt in dem überbordenden Angebot an Medien und Kommerz etwas zu verpassen. Der ständige Vergleich in den Sozialen Medien mit anderen (Statusmeldungen) treibt diese „fear of missing out“ (FOMO) noch an: in einem anderen Setting, an einem anderen Platz, mit anderen Leuten, könnte ich ja gerade Besseres oder Interessanteres erleben. Deshalb ist die ständige Verbindung zur digitalen Welt ja auch von Notwendigkeit.
Ich frage mich: wo finden unsere Jugendlichen Vorbilder, Erwachsene, die noch gedanklich und körperlich gut abschalten können? Die so eine gute Chancen haben, ihr Leben trotz der ein- oder anderen Widrigkeit wirklich als erfülltes Leben zu betrachten und in vollen Zügen zu genießen, wie es der Prediger empfiehlt. Wie werden in unserem Alltag stressfreien Momente, nicht nur die Ausnahme, sondern die von Gott gewollte Regel? Kreislaufkollaps, Burnout und Herzinfarkt sind ja nicht unbedingt die Medaillen für ein erfülltes Leben. Muße, Ruhe, Genuss, Gelassenheit, Zufriedenheit, das rechte Maß, die Freude daran, etwas auch weg zu lassen (JOMO*), sind die göttlichen Elemente des Lebens, Ausdruck für Gottes Segen.
Einen ganzen Tag, den Sonntag, hat Gott für diese heilsame Unterbrechung im Alltag geheiligt! Es sind seine Gaben, die Jesus in der Bergpredigt preist.
Lassen, loslassen, zulassen – sich beschenken lassen. Der Prediger macht Mut zum Leben, zum Verkosten des Lebens, zum Essen und Trinken. Ganzheitlich sein, sich spüren, sich und anderen gönnen, was gut tut. Das hebt den Alltag in göttliches Licht. Was würde wohl geschehen, wenn wir lernen würden, mehr zu geben als zu raffen, mehr zu lassen als zu tun?
Ihr Stefan Lipfert, Pfarrer
*JOMO = “Joy of missing out“

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